Book reviews
Unter dem Zwillingsstern
von Tanja Kinkel
Es ist lange her, dass ich einen Roman über Deutschland zwischen 1900 und 1945 gelesen habe. Es gab eine Zeit, in der ich praktisch nichts anderes gelesen habe; irgendwann ist eine Art Übersättigung eingetreten. Und da ich mich nun seit geraumer Zeit beruflich mit der (gewissermaßen entgegengesetzten) Geschichte Israels und Palästinas im 20. Jahrhundert beschäftige, lag der Fokus meiner “privaten” Lektüre eben auch woanders.
Doch dann gab meine Schwester mir dieses Buch, und ich war trotz anfänglicher Zweifel erstens sehr schnell durch (als Mutter eines einjährigen Sohnes wahrlich nicht selbstverständlich), und zweitens beeindruckt und berührt.
Die Hauptfiguren Carla und Robert treffen als Kinder kurz nach der Jahrhundertwende in München erstmals aufeinander. Beide haben ihre Mütter früh verloren, haben zuhause nie Liebe, ernst gemeinte Zuwendung und Geborgenheit erlebt, und schließen deshalb einen Pakt für’s Leben: Keine Familie, oder besser: Wir sind unsere Familie.
Und so begeben die beiden sich auf die Reise durch die turbulenten Jahre zwischen 1900 und 1945, in denen sich beide für die schauspielerische Laufbahn entscheiden, mit den Ikonen des deutschen Theaters zusammenarbeiten, im Falle Roberts ins Regiefach wechseln und im Falle Carlas nach Hollywood übersiedeln. Doch diese individuellen Erfahrungen sind im Roman immer eng verwoben mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der jeweiligen Zeit. Ob nun die Reparationen nach Versailles, der Putschversuch der Nazis in München, die Fememorde, die Weimarer Republik, der wirtschaftliche Zusammenbruch und danach das Erstarken der nationalsozialistischen Bewegung bis hin zum Kriegsausbruch und dem Holocaust – immer werden die persönlichen Entscheidungen und Lebensbilder erst durch das sie umgebende gesellschaftliche Klima wirklich fassbar.
Angesichts der sehr realistischen Darstellung des “normalen” Lebens als Deutsche zwischen 1933 und 1945 stellt sich dem Leser immer wieder die Frage: Wie hätte ich gehandelt? Wäre ich rechtzeitig ins Ausland gegangen? Hätte ich die Propaganda der Nazis durchschaut und Konsequenzen gezogen? Hätte ich jüdische Freunde gehabt, und wenn ja, wie hätte ich mich ihnen gegenüber verhalten? Hätte ich das Spiel der Nazis ein Stück weit mitgespielt, um befreundete Juden oder politisch Verfolgte zu retten (und mich und meine Familie wirtschaftlich über Wasser zu halten)? Zu wie vielen Kompromissen wäre ich wohl bereit gewesen?
Es ist sehr einfach, aus heutiger Sicht ungläubig und richtend auf die damalige Bevölkerung Deutschlands zu schauen. Ich meine nicht die Parteibonzen, nicht die SS-Männer, nein: Die ganz normale Bevölkerung. Zum Beispiel den Arzt, der die Praxis seines jüdischen Kollegen übernimmt, um diesem einerseits zu ermöglichen, überhaupt weiter zu praktizieren, ihn andererseits letztlich doch ganz zu “entlassen”. Aus heutiger Sicht ist es leicht, ihn als Mitwisser und Nutznießer des Nazi-Regimes zu verurteilen, doch wie viel Unannehmlichkeiten hätten wir selbst für jemanden, mit dem wir nicht einmal verwandt sind, in Kauf genommen?
Es geht mir nicht darum, die Mitläufer von damals in Schutz zu nehmen. Die Schuldfrage haben andere zu klären. Doch für mich ist es von jeher eine der schwierigsten, aber auch interessantesten Fragen überhaupt gewesen, wie ich mich im Dritten Reich verhalten hätte. Einfach, weil es sehr viel über Charakter, Integrität, Moral und Ethik aussagt.
Ich bin allerdings sehr dankbar, dass dies ein reines Gedankenspiel bleiben darf. Wie sonst hätte ich der Großmutter eines israelischen Freundes, die aus Tschechien stammte und damals noch rechtzeitig rausgekommen ist, in die Augen sehen können? Das Gefühl der Demut und Dankbarkeit ob der Wärme, mit der sie mich damals begrüßte, wirkt jedenfalls bis heute nach. Das ist es wohl, was mit Versöhnung gemeint ist.